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Not Macht(e) die Sprache Erfinderisch

Seit 1990 ist nun Deutschland gluecklicherweise wieder ein vereintes Land. Als kleiner Nachteil sei nur zu bemaengeln, dass es bei all der Freiheit und dem relativem Wohlstand die Umgangssprache sich vielleicht in weniger kreativen Richtungen entwickelt, als in schlechten Zeiten.

Machen wir einmal einen kurzen Rueckblick auf die Zeiten von Notstand oder von gefuerchteter Kontrolle eines totalitaeren Staates. Damals gehoerte es eben zur Sprachkunst sich sorgfaeltig oder bestens andeutend auszudruecken. In den Schreckensjahren von 1933 bis 1945 sprach man oft "durch die Blume". Andeutend sprach man z.B. vom Strassenbahnfuehrer-Prinzip. Da hies es dann, "Wer nicht hinter dem Fuehrer steht, der geht in den Kasten." Die Berliner Strassenbahnen der 30'er Jahre hatten natuerlich einen freien und ungeheizten Perron auf dem der Strassenbahnfuehrer stand. Das geschlossene und geheizte Fahrgast-Abteil dahinter konnte man natuerlich auch als "Kasten" verstehen. Es handelte sich hier nun um ein klassisches Beispiel von "double entendre". Mit der dunklen Andeutung vom "Kasten" war das Gefaengnis oder sogar die Vergasungskammer gemeint, fuer den der nicht "hinter dem Fuhrer stand."

In der Nachkriegszeit gab es Ersatz-Kaffee (auch Kathreiner genannt) der in vielen Teilen von Deutschland als "Muckefuck" verrufen war. Nur wenigen Deutschen ist es bekannt, dass dieser Ausdruck aus dem franzoesischem "mocha faux" (d.h. falscher oder Ersatzmocka) stammt. Zur Zeit der Berliner Blockade (1948-49) erstand der Paradox, dass amerikanische und britische Flugzeuege anstatt Bomben bei Nacht um die Berliner Bevoelkerung zu vernichten, nun Lebensmittel, Kohle und Arzneien brachten um die West-Berliner (trotz sowjetischer Sperre der Landwege) zu ernaehren. Wie konnte diese Dualitaet zwischen einstigen Feinden und jetzigen Rettern mit einem Wort ausdrueckt werden? Die Berliner erfanden das passende Wort "Rosinen-Bomber".

Jeder der einmal in Unterdrueckung und Notstand gelebt hat, wird sich an aehnliche Beispiele der Sprache erinnern. Es waere nun einmal interessant aehnliche der "Sprache des Notstands" zu sammeln. Wer kann uns an andere Beipiele erinnern? Woran denkt der Leser wenn ich z.B. den Ausdruck "Brennholz fuer Kartoffelschalen" erwaehne?

Alan J. Nanders, Ontario, Canada

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